Ich habe vom Februar 2000 bis zum April 2004 insgesamt 67 Frauen befragt, die in der Türkei ihre Sozialisation erfahren hatten und in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Die Frauen waren zum Zeitpunkt der Befragung im Alter von 43 bis 68 Jahren.

Die von mir befragten Frauen wurden von meinem Pflegedienst Deta-Med gepflegt und waren nicht in der Lage, ohne fremde Hilfe ihren Alltag zu bewältigen. Es waren relativ junge Frauen mit überwiegend psychischen Erkrankungen, aber auch extremen körperlichen Verschleißerscheinungen. Ursache der körperlichen Beschwerden waren auch die schweren Arbeitsbedingungen in Deutschland. Ich gehe davon aus, dass die schlechte gesundheitliche Lage der Frauen auch im Zusammenhang mit der geschlechtsspezifischen Erziehung und der Tradition, aus der sie ursprünglich stammten, steht. Die Hauptursache für diese psychischen Erkrankungen liegt meines Erachtens nach in der Erfahrung der Machtlosigkeit und der Geringschätzung der Frau in diesem Kulturkreis. Ich habe die Biographien unserer Patientinnen zusammengefasst und werde meine These in kurzen Abschnitten erläutern.

251366-3-4-f9932

Die „Frauen“ wurden in jungen Jahren (ca. ab 6 Jahren) extrem geschlechtsspezifisch erzogen. Sie mussten ihre Mütter als Vorbild nehmen und den gesamten Haushalt mit ihnen führen. Sie wurden von klein an dazu angehalten, im Haushalt mitzuhelfen und auf kleinere Geschwister aufzupassen. Die Fürsorge für jüngere Geschwister und pflegebedürftige Familienangehörige war als Vorbereitung auf die spätere Mutterrolle ein wichtiges Aufgabenfeld. Sie mussten sich nützlich machen, um so früh wie möglich die späteren Aufgaben als Hausfrau und Mutter zu erlernen. Im Kindesalter mussten sie anfangen, ihre Mitgift (CEYIZ) vorzubereiten und zu sammeln. Ihnen wurde sehr früh beigebracht, dass sie als Mädchen, Braut und Mutter in der Familienhierarchie an der untersten Stelle stehen. Erst wenn sie selbst Schwiegermutter sind, gelangen sie zu einer gewissen Anerkennung. Diese ist bedingt durch ihr Alter und ihre Erfahrung im Leben.

Die „Frauen“ wurden zwischen 13 und 17 Jahren verheiratet und bekamen auch in diesem Alter ihre ersten Kinder. Kinder sind für den Bestand der Ehe sehr wichtig und gelten als Zeichen einer guten Ehe. Außerdem spielen die Kinder eine große Rolle für den Unterhalt der Familie und in der Altersversorgung. Jungen tragen zum Familieneinkommen bei und Mädchen zur Entlastung der Mutter im Haushalt. Im Alter ist es die Pflicht der Söhne, für die Eltern zu sorgen. Erst im Alter hatten die Frauen eine Autoritätsstellung erlangt, weil sie nicht mehr als Verführerin (wie eine junge Frau) galten.

In der Tradition obliegt es den älteren Frauen, als Hüterinnen der Tradition den Jungen und Mädchen die Regeln des gesellschaftlich angemessenen Verhaltens weiterzugeben, damit sie diese Regeln beachten und beibehalten: Die Rolle der älteren Frau ist wichtig für den Fortbestand der Sitten, weil sie die Autorität der Männer an die junge Generation vermittelt.

Die Ursache einer Kinderlosigkeit wurde der Frauen angelastet, sie erlebten im Fall der Kinderlosigkeit einen enormen Druck von der engeren Familie und weiteren Verwandtschaft. Die verzweifelten Frauen haben sich Hilfe gesucht bei einer Wunderheilerin und deren magischen Praktiken, sie haben Wallfahrten zu heiligen Grabstätten gemacht, um dort Fruchtbarkeit zu erlangen, haben Gelübde geleistet und ein Tier geopfert. Wenn die Frau unfruchtbar bliebe, so hätte der Ehemann das Recht auf eine zweite Frau.

Die Geburt eines Jungen verbessert die Stellung und das Ansehen der Frauen in der Familie ihres Mannes, insbesondere dann, wenn sie dort mit ihrem Ehemann lebt, wie es die Tradition vorschreibt. Nach der Geburt einer Tochter wurden sie zum Teil gleichgültig behandelt. Bis dahin hatten sie durch die eigene Herkunftsfamilie bereits Unterdrückung und Gewalt erlebt.

Von Gewalt spreche ich im Sinne einer züchtigenden Erziehung, die darauf abzielt, dem Mädchen beizubringen, nicht zu widersprechen. Es wäre eine Schande für die Familie, wenn sie als Braut ausgestoßen würde und wieder in das Elternhaus zurückkehren müsste. Eine Schulbildung wurde den Frauen in vielen Fällen verweigert, weil die Eltern arm waren oder weil die Mädchen gemeinsam mit Jungen in einem Klassenraum hätten sitzen müssen. Außerdem sollten sie ohnehin verheiratet werden, somit wäre das Schulgeld als Fehlinvestition betrachtet worden. Je qualifizierter das Mädchen hingegen im Haushalt ist, umso mehr „Kopfgeld“ (BASLIK) würde der Vater für sie bekommen.

Angeblich steht im Koran, dass die Frau zum Sex bereit zu sein habe, egal, in welcher Lage sie ist, ob sie Teig knetet oder auf dem Kamel sitzt. Wenn der Mann Sex will, muss sie bereit sein, darf sich dem Ehemann nicht verweigern. Wenn sie sich verweigert, dann macht sie sich sündig vor Gott. Der Mann hat dann das Recht auf eine andere Frau.

Vergewaltigung in der Ehe gibt es nicht, glaubten unseren Patientinnen. Sie haben sehr oft gegen ihren Willen mit ihren Männern geschlafen, um des Friedens willen und weil es ihre Pflicht als Ehefrau gewesen sei. Es kam auch vor, dass der Mann gewalttätig wurde, wenn die Frau keine Lust auf Sex hatte, so dass sie unter Gewalteinfluss sexuelle Handlungen über sich ergehen lassen musste. Der überwiegende Teil meiner befragten Patientinnen gibt trotzdem an, dass eine Frau nur von einem fremden Mann vergewaltigt werden kann.

Viele unserer Patienten hatten Unterleibsprobleme und Schmerzen beim Sex. 65% unserer Patientinnen wurden von ihren Ehemännern betrogen. Was mich sehr verwundert hat, war die Tatsache, dass die betrogenen Frauen dies als selbstverständlich angesehen haben, weil sie nicht regelmäßig mit ihren Männern Sex hatten. Einige Frauen sagten: „Ich bin die bessere Frau gewesen, bei mir ist er geblieben, die andere Frau hat er nur für seine sexuellen Triebe benutzt“.

Die Frau wird als Mädchen und als „Braut“ ihres Selbstbewusstseins beraubt. Viele unsere Patientinnen haben durch ihre Erziehung kein starkes Selbstbewusstsein. Schon in jungen Jahren entwickelten sie Symptome, die auf psychische Krankheiten hinweisen. Zum Beispiel: Antriebslosigkeit, diverse Ängste, Aggressivität, Depression, Verstummen der Sprache, Überlastung, paranoides Denken (sie fühlen sich permanent unter Beobachtung), sie üben überhöhte Selbstkritik.

Zurückliegende physische und psychische Gewalterfahrungen sind oft so stark belastend, dass die betroffenen Frauen ohne fremde Hilfe ihr Leben nicht bewältigen können. Viele unserer Patientinnen leiden heute noch an den Folgen der erlebten Gewalt wie zum Beispiel an einer psychischen Krankheit, einem geplatzten Trommelfeld, herausgeschlagenen Zähnen, Verbrennungsnarben, Verkrüpplung der Extremitäten und diversen organischen Störungen.

Bitte verallgemeinern Sie die Ergebnisse dieser Befragung nicht auf alle muslimischen Frauen, da sich die Befragung lediglich an betroffene Patientinnen von Deta-Med richtete.

 

01.06.2011 Überarbeitet Nare Yesilyurt

Überarbeitung am 09.01.2017, Dr. Frank Beckmann