Ich habe von April 2001 bis September 2008 insgesamt 187 Personen zum Thema NAZAR („der böse Blick“) befragt.

Der am meisten verbreitete und älteste Aberglauben ist der des bösen Blicks, der vermutlich aus dem Orient stammt und wahrscheinlich von dort aus viele andere Kulturen erreichte. Er beinhaltet den Glauben an die unheilvolle Kraft des bösen Blicks, der durch Neid hervorgerufen wird und der bei Lebewesen Krankheiten und bei Dingen einen Schaden verursacht.

NAZAR ist inzwischen also ein Volksglaube in fast allen Kulturen der Welt. Es wird behauptet, dass es Menschen gibt, die bewusst ihre bösen Blicke einsetzen, aber auch Menschen, deren Blick unbewusst verderblich wirkt. NAZAR ist ein fester Bestandteil des moslemischen Glaubens und im Koran gibt es Schutz-Suren, die nach dem Glauben vor den Auswirkungen des bösen Blicks schützen können.

 

Die Aussage der befragten Patienten von Deta-Med, dass Krankheit und Tod durch das Einwirken einer feindlichen Macht (durch den bösen Blick) zustande kommen, wunderte mich nicht, weil die Befragten überwiegend aus ländlichen Gebieten der Türkei stammen und über eine geringe Schulbildung verfügen. Kenntnisse über Krankheiten, Bakterien, Pilze, Viren oder überhaupt über Keime waren nicht vorhanden. Das Unheil war einer übernatürlichen Macht (dem bösen Blick) zuzuschreiben.

Als ich mein soziales Umfeld (Akademiker, Wissenschafter, Architekten, Journalisten, Ärzte, Krankenschwestern, etc.) und meine Mitarbeiter befragte, ob sie an den bösen Blick glauben, war es für mich noch erschreckender zu erfahren, dass ca. 90% mit „ja“ antworteten. Selbst wenn aufgeklärte Menschen heute wissen, wie Krankheiten und Unheil entstehen, so sitzt der Glaube an den bösen Blick immer noch so tief und fest, dass die Menschen nicht an seiner Wirkung zweifeln. Der Glaube an NAZAR wird durch dessen Stellenwert im Koran religiös sehr gestärkt.

 

Wer und was wird vom Bösen Blick bevorzugt getroffen?

Die häufigsten Antworten darauf waren die, dass insbesondere Neugeborene und Kinder davon betroffen seien, weil sie schutzlos sind. Mädchen in der Brautzeit und Frauen während der Schwangerschaft und Entbindung seien ein Blickfang für Andere und verursachen Neid – vor allem bei denen, die keine Töchter haben. Hübsche Menschen und Personen mit besonderem Fleiß oder handwerklichen Begabungen seien auch öfter Opfer von NAZAR als andere, die keine besonderen Eigenschaften haben.

Abgesehen von Menschen ist das Vieh, vor allem das Milchvieh, der Schäferhund, das eierlegende Huhn, das Pferd etc. Opfer vom bösen Blick. Sogar die Getreidefelder, die Obstgärten oder der Wasserbrunnen können von bösen Blicken getroffen werden.

 

Die Ansichten über die Auswirkungen des Bösen Blicks

Plötzlicher Kindstod, Wochenbettpsychosen, Angstzustände, Kopfschmerzen, Ohnmacht, Fieber, Schlaflosigkeit, epileptische Anfälle, Übelkeit, Impotenz, Unfruchtbarkeit, Gewichtsverlust, Anämie, Lähmung, geistige Verwirrungen, Scheidungen, Nervosität, Pechsträhnen und sogar der Tod – alle diese Ereignisse und Erkrankungen werden dem Bösen Blick zugeschrieben.

Die Auswirkungen des bösen Blicks auf das Ackerland führen dazu, dass der Boden unfruchtbar wird und die Obstbäume keine Früchte mehr tragen.

Die Auswirkungen des bösen Blicks auf Gegenstände werden folgendermaßen beschrieben: Der Gegenstand zerbricht oder wird zerkratzt, er zerfällt, zerplatzt oder wird zerrupft, zertrampelt, zerstört, zerrüttelt oder sogar versehendlich verbrannt. Alles, was eine negative Auswirkung auf den Gegenstand hat, wird mit dem bösen Blick und seiner schädlichen Wirkung begründet.

 

49672Der Schutz vor und die Behandlung gegen den bösen Blick ist vielfältig, so wie auch die Verbreitung dieses Aberglaubens vielfältig ist. Im Koran gibt es zwei „Schutzsuren“, welche zum Eigenschutz aufgesagt werden sollen. Wenn man gelobt oder bewundert wird und danach das Gefühl hat, vom bösen Blick getroffen worden zu sein, dann soll man die Suren „Al Falaq“ und „Al Nas“ lesen. Nach dem Loben oder Bewundern einer Person oder eines Gegenstandes soll man den Satz „Gott schütze Dich“ (MASCHALLAH) sagen.

Das Mitführen von „blauen Augen“ (NAZAR BONCUGU) wirkt abweisend auf die bösen Blicke. Bleigießen oder Salz auf den Kopf zu streuen und am Herd brennen zu lassen ist auch eine Methode, den bösen Blick abzuweisen oder ihn zu zerstören.

Wenn Babys unabsichtlich ihren Kot in den Mund nehmen, sind sie ihr ganzes Leben vor bösen Blicken, schwarzer Magie, Beschwörungen und Fluch geschützt.

Das, was ich aufgezählt habe, sind die häufigsten und verbreitetesten Methode, um böse Blicke abzuweisen oder sich vor ihnen zu schützen. Es gibt tausende anderer Methoden, die ich hier nicht aufzählen kann, weil es den Rahmen des Themas sprengen würde.

 

Alles, was die Menschen nicht begründen können und was unnatürlich ist, wird mit dem Bösen Blick begründet. – Die vorstehend aufgezählten Auffassungen sind auch heute noch bei den meisten Menschen des betreffenden Kulturkreises vorhanden. Die Menschen glauben, dass aus dem Auge ein Zauber (BÜYÜLEYICI GÖZLER) heraustritt, der auf den anderen eine solche Macht ausübt, dass der, der ihn empfindet, sich ihm nicht mehr entziehen kann.

Das Auftreten von Krankheitssymptomen und psychosomatischen Krankheiten wird hauptsächlich einem solchen Zauber (BÜYÜLEYICI GÖZLER) zugeschrieben und entsprechend behandelt. Dies führt bei den betroffenen Menschen zu vermehrter sozialer Isolation. Man meidet den Kontakt zu ihnen, sie werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil sie den „Zauberblick“ (BÜYÜLEYICI GÖZLER) haben. Menschen werden zum Sündenbock ernannt, weil man mit der eigenen Niederlage, einer Krankheit, Trauer oder dem persönlichen Versagen nicht klar kommt.

Es ist sehr einfach, alles auf den bösen Blick zu schieben, um sich nicht mit der tatsächlichen Ursache seiner momentanen Lage zu befassen.

 

Bei der täglichen Versorgung der Patienten, die an NAZAR glauben, ist es für die Ärzte und auch das Pflegepersonal eine Herausforderung, eine optimale Behandlung durchzuführen, weil NAZAR auch im Koran verankert ist und eine entsprechende hohe Autorität besitzt. Eine optimale Versorgung der Patienten ist gewährleistet, wenn wir den Patienten die Autonomie belassen, sich kulturell und medizinisch angemessen versorgen zu lassen, auf seine Überzeugungen eingehen – aber dabei die Pflegestandards und den Stand der modernen Behandlungspflege nicht ignorieren.

 

27.07.2011 Dipl. Päd. Nare Yesilyurt

Überarbeitet am 25.01.2017, Dr. Frank Beckmann